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Der Assistent: ultramarin (Review)

Artist:

Der Assistent

Der Assistent: ultramarin
Album:

ultramarin

Medium: CD/LP/Download
Stil:

Deutschsprachiger Indie-Pop

Label: earMUSIC
Spieldauer: 34:39
Erschienen: 19.06.2026
Website: [Link]

DER ASSISTENT ist zurück!
Ist das gut? Ist das schlecht?
Auf jeden Fall ist es wieder der Moment für einen ganz besonderen Schluck eines diesmal „ultramarin“ eingefärbten Indie-Pop-Gebräus mit deutschen Texten, die im Gegensatz zu der ziemlich entspannt und unschuldig wirkenden Musik textlich ein hochgefährliches Konzept voller dunkler Visionen und Bedrohungen entfalten.

Denn wie so oft ist der erste Blick – in diesem Falle der erste 'Hör' – nicht das, was er verspricht, sondern nur die (Vor-)Täuschung einer harmonischen Oberfläche, unter der sich verhängnisvolle Abgründe auftuen, weil keiner auch nur ahnen kann, was einem widerfährt, „wenn der scirocco weht“ und uns ins Gesicht und die Ohren bläst.


Musikalisch tauchen wir auf „ultramarin“ deutlich in die 80er- und 90er-Jahre der verträumteren Sorte ein, in denen SADE und SPANDAU BALLET oder TEARS FOR FEARS sowie COCTEAU TWINS das Sagen und Singen hatten, während die Texte sich tief verborgenen Geheimnissen oder Verbrechen und natürlich der großen Liebe widmen und dabei immer einen melancholischen (Unter-)Ton verbreiten, der durchaus auch etwas Ironie und Zynismus in sich trägt – und als besonders bemerkenswerte Leistung auch mit französischen und italienischen sowie englischen Wortspielereien aufwartet. Das Konzept wird bei genauem Hinhören immer deutlicher: es geht um (in sich) gespaltene Persönlichkeiten, die Dr. Jekylls und Mr. Hydes des alltäglichen Lebens.

Vielleicht erinnert sich hier noch jemand an PRAG. Wenn ja: Wer mit deren, manchmal etwas verkopften, aber doch einzigartigen Musik voll hintergründig-intelligenter, deutschsprachiger Texte warmwerden und sich dafür begeistern konnte, dem wird DER ASSISTENT als eine wahre Erleuchtung erscheinen. Denn solche sich von der breiten Masse absetzenden Musik des deutschsprachigen Raums muss man erstmal hinbekommen.


Oder aber vertrauen wir einfach den eigenen DER ASSISTENT-Worten – hinter denen sich der singende Multiinstrumentalist und Klangzauberer Tom Hessler verbirgt – wenn er unter seiner bandcamp als Beschreibung zum aktuellen Album etwas kryptisch feststellt: „Der Berliner Lo-Fi-Crooner DER ASSISTENT kehrt mit 'ultramarin' zurück – einer sonnenverblassten Suite aus Soft-Focus-Pop, Balearic-Grooves und nächtlichen Yacht-Stimmungen, die zwischen Sprachen, Stimmungen und Anspielungen hin- und hergleiten – leicht surreal und leise melancholisch.“
Hier passt wirklich jedes Wort. Man braucht eben jede Menge Fantasie, um mit „ultramarin“ warmzuwerden. Da wundert's dann schon nicht mehr, wenn einem beim Titeltrack doch immer wieder ein paar KRAFTWERK-Resonanzen im RHEINGOLD-Oeuvre um die Ohren schwirren.


Oder nehmen wir nur mal den „mann am telefon“ (Das Kleinschreiben der Titel und aller Texte im der LP beigefügten Textblatt ist garantiert hintergründige Absicht, die sich wahrscheinlich auch auf bb – bert brecht – bezieht oder einfach nur Protest gegen die damalige Rechtschreibreform ist): Hier treffen verträumte Strandsounds auf Neue Deutsche Welle etwas R&B und eine Prise Reggae und verschmelzen zu einer Pop-Ballade, die gar etwas Paranoia zu verbreiten vermag.
Ähnliche Erfahrungen macht der Hörer das gesamte Album hindurch, wenn beispielsweise die LP-B-Seite auf dem Opener „der assistent und das zweite ich“ (Sagt der Titel nicht schon alles?) deutlich von seiner Atmosphäre her nach der faszinierenden SADE klingt, die mit eine paar Reggae-Strandrhythmen sowie französischem Sprechgesang daherkommt, wobei das Saxophonspiel eine besonders emotionale Note verbreitet.


Die Songs haben etwas von der hypnotischen LAID BACK-Meganummer „Bakerman“. Sie gehen sofort ins Ohr und verfestigen sich darin, bis man sie mitsummt.
Allerdings passiert auf die Dauer nicht so viel, dass man auf große Überraschungen während der 35 LP-Minuten warten sollte. Die gibt’s nicht. Die Stimmung hat durchgängig etwas 'chilliges', der Sound ist samtweich und die Downbeat-Grooves oder Dub-Rhythmen laden zum Entspannen, aber nicht zum rhythmischen Abdrehen ein. Oh ja, das waren damals diese ruhigen Synthie-Pop-Kuschelrock-80er und -90er, die man eigentlich liebte, aber bei denen einem trotzdem was fehlte: die echte Spannung.
Oder um es mit den Worten des Rundum-Einzelkämpfers Tom Hessler auszudrücken: „Seine Ein-Mann-Band besticht durch Timmy-Thomas-Grooves, jazzige Casio-Klänge, Holzblasinstrumente von der Westküste und das eine oder andere amateurhafte Gitarrensolo. Seine trippigen Geschichten oszillieren zwischen Mystery, Krimi und Amore. Und dabei sorgen sie – ganz entspannt – stets für gute Vibes.“
Knackige Handarbeit und trockener Rock passen da einfach nicht ins Bild eines Assistenten, der sich als Einzelkämpfer definiert und damit zugleich eigener Herr im Musik(zu)hause ist.


Diese musikalisch ein wenig vermisste Spannung bauen hingegen tatsächlich die Texte auf. Mit ihren hintergründigen Gemeinheiten versteckt in vordergründig erzählender Einfachheit. Das wirkt so herrlich morbide wie die kleinbürgerliche Wohnidylle, in der sich langsam das Grauen einschleicht – denn die gespaltenen, unberechenbaren Zeitgenossen lauern überall, um am Ende für die „total confusion“ zu sorgen, bei deren Soft-R'n'B-Rhythmen einen wieder ganz zärtlich SADE aus der LP-Rille anlächelt, um das harmoniemusikalische Gegenteil des Titels auszudrücken: „Ich jage meinen Schatten...“, singt DER ASSISTENT hier. Und schließlich wissen wir alle, dass diese Jagd immer erfolglos endet.


FAZIT: „ultramarin“ von DER ASSISTENT ist garantiert kein Schattenspiel (auch wenn's im letzten Song „total confusion“ mehrfach betont wird), sondern ein beeindruckend geheimnisvolles Album der ruhigen Dub-Indie-(Synthie-)Pop-80er-Jahre-Art, das einen mit seinen watteweichen Harmonien und den eigenartig bedrohlichen Texten (um es mit den großartigen CITY auszudrücken) zu einem Besuch im 'Pfefferminzhimmel, wo die Palmen sich verneigen und die Purpur-Sonne scheint', einlädt. Doch überall lauert das gespaltene Persönlichkeitsgrauen – und gerade wenn Thomas Hessler, der das komplette Album als DER ASSISTENT textete, komponierte, einspielte, abmischte und produzierte, auf „neue lunge“ singt: „ich habe keine angst / keine angst“, dann sollte gerade das einem große Angst machen. Ein eigen- wie auch großartiges Album gleichermaßen, das einen ähnlich zwiegespaltenen Hörer zurücklässt wie die gespaltenen Persönlichkeiten, um die sich „ultramarin“ dreht.

Thoralf Koß - Chefredakteur (Info) (Review 55x gelesen, veröffentlicht am )

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Wertung: 12 von 15 Punkten [?]
12 Punkte
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Tracklist:
  • Seite A (16:44):
  • wenn der scirocco weht (3:37)
  • ultramarin (4:11)
  • mann am telefon (5:19)
  • neue lunge (3:37)
  • Seite B (17:55):
  • der assistent und das zweite ich (4:25)
  • doppelgänger (4:51)
  • voyage, voyage (3:49)
  • total confusion (4:50)

Besetzung:

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